Das literarische Frankfurt (Oder). Die Stadt im Spiegel der Literatur

Neues Forschungs- und Ausstellungsprojekt im Museum Viadrina gestartet

Im neuen Forschungs- und Ausstellungsprojekt steht im Städtischen Museum Viadrina erstmals die facettenreiche Literaturgeschichte der Oderstadt im Fokus, vom Beginn der frühen Neuzeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts: Dabei gibt es viel zu entdecken. Mit der Gründung der Viadrina – der ersten Universität Brandenburgs – im Jahr 1506 wurde Frankfurt ein herausragendes geistiges und kulturelles Zentrum. Seitdem war die Stadt am Oderstrom für viele Autoren – und bereits auch für einige Autorinnen – eine wichtige Lebensstation: Etliche kamen von auswärts, wurden hier ansässig, gehörten zur Frankfurter Gesellschaft; andere streiften die Stadt nur kurz. Manchen der hier geborenen Schriftsteller wurde Anerkennung weit über die Stadtgrenze hinaus zuteil.

Durch die hiesige literarische Szene war Frankfurt jahrhundertelang in vielfältiger Weise mit wichtigen Persönlichkeiten und literarischen Strömungen überregional vernetzt. Und so widerspiegelt die Literaturgeschichte Frankfurts nicht nur die lange und wechselvolle Geschichte der Handels-, Universitäts-, Garnison- und Beamtenstadt, sondern zugleich deutsche und europäische Geistesgeschichte.

Der Humanist Ulrich von Hutten (1488–1523), der schon 1506 an der Viadrina studierte, stimmte alsbald ein rühmendes „Lied zum Preise der Mark“ an. Der Reformator Andreas Musculus (1514–1581), Theologieprofessor, Stadtpfarrer an der Marienkirche und zeitweilig Besitzer des Junkerhauses, heute Sitz des Museums Viadrina, ließ von Johann Eichorn (1524–1583) in der Universitätsdruckerei seine populären Teufelsbücher drucken: Dem „Hosenteufel“ folgten der „Fluchteufel“ und 1556 der „Eheteufel“. Die Komponisten Heinrich Schütz (1585–1672) und Dieterich Buxtehude (1637–1707) zogen es allerdings vor, auf lateinische Texte von Musculus zurückzugreifen.

Im Barock fanden sich die Dichter der Ersten Schlesischen Schule in Frankfurt ein. Die kaiserlich gekrönte Poetin Christiana Mariana von Ziegler (1695–1760), deren Dichtungen Johann Sebastian (1685–1750) und Carl Philipp Emanuel  Bach (1714–1788) vertont haben, lebte ab 1741 in der Stadt.

Zu den Besonderheiten der Literaturgeschichte Frankfurts gehört auch der hebräische Buchdruck, der vom Ende des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hier stattfand: Die vor kurzem erworbene Komplettausgabe eines babylonischen Talmuds, der in Berlin und Frankfurt von 1734 bis 1739 gedruckt wurde, ist u.a. in der Dauerausstellung des Museums zu sehen.

Ewald von Kleist (1715–1759), der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Gottlob Samuel Nicolai (1725–1765) und Friedrich Christoph Nicolai (1733–1811), Heinrich Zschokke (1771–1848) wie auch Christian Wilhelm Spieker (1780–1858) gehören ebenso zur literarischen Stadtgeschichte. Natürlich ist Heinrich von Kleist (1777–1811) hervorzuheben, dessen Geburtstag sich im Jahr 2027 zum 250. Mal jährt.

Frankfurter Ereignisse wurden auch aus der Ferne prominent kommentiert: So widmete Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) dem 1785 bei einem Oder-Hochwasser ertrunkenen Prinzen Leopold von Braunschweig-Wolfenbüttel (1752–1785) ein Gedicht.

Der in Frankfurt geborene spätromantische Schriftsteller Franz von Gaudy (1800–1840), die Märchendichterin Marie Petersen (1816–1859) oder Ernst von Wildenbruch (1845–1909) waren lange Zeit sehr populär.

Gottfried Benn (1886–1956) und der als Klabund bekannte Alfred Henschke (1890–1928) legten kurz nach 1900 ihr Abitur am berühmten Frankfurter Friedrichs-Gymnasium ab. Unterricht in Griechisch gab dort der Vater der Übersetzerin Eva Rechel-Mertens (1895–1981), die 1957 bei Suhrkamp die erste vollständige deutsche Übertragung von Prousts „Recherche“ veröffentlichte.

Paul Gurk (1880–1953) erhielt 1921 den wichtigen Kleist-Preis. Und Mitte der 1920er-Jahre etablierte sich in Frankfurt eine „Literarische Gesellschaft“, die auch Publikationen herausgab.

Die Schriftstellerin Susanne Kerckhoff (1918–1950), die sich 1950 in Berlin-Karolinenhof das Leben nahm, war in den 1920er-Jahren in Frankfurt aufgewachsen. Bernward Vesper (1938–1971), der Sohn des nationalistischen Schriftstellers Will Vesper (1882–1962) und spätere Verlobte von Gudrun Ensslin (1940–1977), wurde 1938 in der Privatklinik Dr. Hans Dege geboren. 

Hans Joachim Nauschütz (1940–2003), der seit den 1970er-Jahren in der damaligen Bezirkshauptstadt lebte, engagierte sich nach 1990 für den Austausch zwischen deutschen und polnischen Autoren.

So vielfältig wie die in der Oderstadt Frankfurt vertretenen Literaturen und so verschieden die hier dazugehörenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch waren, so unterschiedlich sind die Geschichten und literaturgeschichtlichen Strömungen, die im Rahmen des Projektes durch den Berliner Literaturwissenschaftler und Kurator Lutz Dittrich zunächst zusammengetragen und untersucht und anschließend in der neuen Sonderausstellung präsentiert werden.

Die Eröffnung der Ausstellung, mit der das Frankfurter Stadtmuseum das Kleist-Jubiläum im Jahr 2027 (Kreuzungen – Intersections. 250 – Kleist) inhaltlich bereichern möchte, ist für den 10. September 2027 im Museum Viadrina geplant.

Begleitend zur literaturgeschichtlichen Ausstellung sind verschiedene Veranstaltungen und ein Colloquium geplant. Zudem soll im Rahmen des vollständig aus Drittmitteln finanzierten Projektes ein weiterer Band der Frankfurter Studien zur Stadt- und Regionalgeschichte entstehen.

Bildunterschrift: Neu am Museum Viadrina: Der Berliner Literaturwissenschaftler und Kurator Lutz Dittrich bearbeitet ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt zur Frankfurter Literaturgeschichte. Das Foto zeigt ihn mit einem historischen Druck in der Museumsbibliothek.